Vorheriger Artikel:
Spaß an Veränderung – Klimaschutz ohne erhobenen Zeigefinger
Nächster Artikel:
Die Zukunft liegt unter uns

Projekte

Wie man Sch… in grünes Gold verwandelt und nebenbei die Welt rettet – Algen als CO2-Speicher

Dr. Sarah  Fretzer
01.07.2021 16
ein Haufen Goldbarren Foto: Steve Bidmead auf Pixabay

Wenn man mal das braune Wasser in einer Kläranlage gesehen hat, dann fragt man sich – wie kriegt man das wieder sauber? Normalerweise mit Bakterien, aber man kann auch mal was anderes testen, nämlich eine Alge zur Abwasserreinigung zu nutzen und das habe ich mit meinen Kollegen bei swb getan.

Eine Alge als grüner CO2-Speicher

eine Hand voll Algen

Es stellt sich raus, dass die fädige Grünalge Cladophora glomerata die Wasserqualität erheblich verbessern kann und sie hilft sogar dabei Phosphor, ein endliches Element, das für Leben auf dieser Erde unverzichtbar ist, aus dem Abwasser zurückzugewinnen. Cladophora kann mit Abwasser als Nährstoffquelle hervorragend wachsen und nebenbei das Wasser reinigen. Klingt gut, oder?

Wenn Cladophora wächst, nimmt sie eine Menge CO2 auf. Wie gut steht die Alge bei der CO2-Speicherung da, zum Beispiel im Vergleich zu Bäumen? Bei einer Fichte mit einer Höhe von 25m kann man von einer Speicherung von etwa 1.800 kg CO2 ausgehen (siehe S. 2 in Quelle: 2011 LFW, Merkblatt Kohlenstoff Nummer 27).

Man kann das Baumalter schätzen und kommt bei dieser Gemeinen Fichte (Picea abies) auf ein Alter von ca. 44 Jahren (Quelle: baumsicht.de/alter abgerufen am 10.07.2020). Eine Fichte braucht also 44 Jahre, um 1,8t CO2 zu speichern. Zum Vergleich: das schafft unsere Algen-CO2-Speicherungsanlage in 2 Tagen (Maße der Algen-CO2-Speicherungsanlage: Breite * Länge * Höhe = 14m *10m *1,6m). Wir können also mit Hilfe dieser Alge CO2 aufnehmen und somit etwas für unser Klima tun. Man kann die Alge nun trocken und irgendwo einlagern, praktisch als grüner CO2 Speicher, aber das wäre Geldverschwendung.

Algen-Biogasgewinnung und Premiumprodukte aus Gärresten

Wir stecken sie lieber in eine Biogasanlage. Der Biogas-Ertrag ist nicht so hoch wie bei Mais, übersteigt aber Gülle deutlich und wir beeinflussen mit der Algen-Biogasgewinnung nicht unsere Umwelt. Außerdem dauert die Gärung nur ein paar Tage, dann brechen wir sie ab. Wir haben nun Biogas gewonnen und haben jetzt verkleinerte Fasern mit Gärresten, also der Matsch, der noch übrig ist.

Die Gärreste könnte man als phosphorhaltigen Dünger verkaufen, aber die Algenfasern, die jetzt ein bisschen kürzer sind, kann man noch viel besser verwerten, nämlich als Rohstoff. Aus der Zellulose (das sind die festen Bestandteile der Zellwände in der Alge) kann man Premiumprodukte gewinnen, zum Beispiel Spezialpapier, das so feine Poren hat, dass man Viren und Bakterien aus Flüssigkeiten filtern kann oder man macht aus der Alge hochwertiges Bio-Plastik. Die Wissenschaft hat mit dieser Alge eine Papierbatterie entwickelt und der Prototyp ist leistungsstark und ultraleicht – klingt super, oder? Man könnte auch noch neue Ideen testen, wie wäre es denn die Cellulose als Baustoff zu nutzen, praktisch Algenzellulose statt Holz.

Fazit: unsere Alge ist ein vielseitiger, nachhaltiger Rohstoff und der bringt Geld, grünes Gold sozusagen.

Jetzt denken bestimmt einige Leser, was für eine Spinnerei – wenn das so toll ist, warum gibt es das dann noch nicht? Das Problem ist die Algenmenge, weil man kann ja nicht im Sommer draußen alle Cladophora-Algen einsammeln (die Alge verursacht in Europa übrigens riesige Algenblüten) und im Winter hat man dann kein Geschäft mehr, weil die Alge dann nicht wächst. Das funktioniert nicht, also bleibt nur die Zucht!

Für viele Firmen wären die Herstellungskosten bei einer Algenzucht zu hoch, denn die Alge braucht sehr viele Nährstoffe, Wasser, Strömung und viel Licht. Nährstoffe und Abwasser hat unser Konzern zu genüge und Strom auch. Also haben wir eine Algenzucht gestartet und wir haben Tests mit verschiedenen Nährstoffquellen durchgeführt und die Biogasgewinnung untersucht, etliche Testreihen über ein Jahr lang. Die Ergebnisse sind vielversprechend und nun fehlt als nächster Schritt noch das Finetuning und die Skalierung auf Industrieniveau.

Retten wir damit die Welt? Vielleicht ist das ein bisschen übertrieben, aber: wir gewinnen aus Scheiße grüne Energie und nachhaltige Rohstoffe, tun was fürs Klima und für sauberes Wasser und das nur mit der Hilfe einer Superalge. Und wer jetzt neugierig ist und das mal ausprobieren will – ihr seid ein bisschen spät dran, denn unsere Patentanmeldung läuft schon und ich werde berichten, wie es weitergeht 😉.

Dr. Sarah  Fretzer
Dr. Sarah Fretzer
Expertin für Natur- und Artenschutz in der Projektentwicklung Wind Onshore
Sarah ist promovierte Biologin und im EWE-Konzern zuständig für die Themen Arten- und Naturschutz bei den erneuerbaren Energien. Sie engagiert sich auch im Bereich Innovationen, hat z.B. ein Algenprojekt entwickelt, bei dem eine Grünalge zur Abwasserreinigung und Gewinnung von Biogas und Rohstoffen gezüchtet wird. In ihrer Freizeit geht sie gerne mit ihrer Familie und ihren drei Hunden spazieren oder sie betreibt Kampfsport und engagiert sich für den Tierschutz.
Zu den Bloggern
Kommentare
1  Kommentar(e) zu:  Wie man Sch… in grünes Gold verwandelt und nebenbei die Welt rettet – Algen als CO2-Speicher
Gerd Bertholdt 08:01 24.07.2021
Verehrte Frau Dr. Fretzer,

mit Interesse habe ich Ihre Arbeit über Algen gelesen, einfach großartig!
Vielen Dank und beste Grüße.

Gerd Bertholdt
Verfasse einen Kommentar

Bevor wir deinen Beitrag veröffentlichen, schicken wir dir eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Bitte schaue in deine Mails und klicke den Link an. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Pflichtfelder
Spaß an Veränderung – Klimaschutz ohne erhobenen Zeigefinger
Vorheriger Artikel: Spaß an Veränderung – Klimaschutz ohne erhobenen Zeigefinger
Die Zukunft liegt unter uns
Nächster Artikel: Die Zukunft liegt unter uns