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Schon gewusst?

Windenergie und Artenschutz – Wissenschaft knows best

Dr. Sarah  Fretzer
19.07.2021 12
Ein Vogel sitzt auf dem Blatt einer alten Windmühle Schäferle auf Pixabay

Ein großes Problem der Windenergie ist der Konflikt mit dem Artenschutz, der ihr ein schlechtes Image beschert. Es ist unstrittig, dass Vögel und Fledermäuse mit Windkraftanlagen kollidieren. Diese Kollisionsereignisse sind relativ selten, wenn man die Zahlen zum Beispiel mit verunglückten Vögeln auf den Autobahnen vergleicht, aber jeder verunglückte Vogel ist einer zu viel und wir müssen den Konflikt zwischen der Windkraft und dem Schutz der Arten lösen, wenn wir eine ökologisch vertretbare Energiewende erreichen wollen.

Drei Maßnahmen, um Vögel vor der Kollision mit Windrädern zu schützen

Es gibt auf dem Wind-Markt im Moment drei Werkzeuge, die genutzt werden, um Vögel zu schützen:

1. kritische Anlagen erhalten keine Genehmigung und werden nicht gebaut,

2. es gibt Schutzabstände zu Nestern kollisionsgefährdeter Vogelarten und

3. temporäre Abschaltungen, d.h. während der Brutzeit steht eine Anlage still, wenn in der Nähe ein gefährdeter Vogel brütet.

Wie effektiv sind die Maßnahmen zum Vogelschutz?

Foto: Angeles Balaguer auf Pixabay Weißstorch im Landeflug

Nehmen wir den Weißstorch als Beispiel: Der Schutzabstand eines Nestes zur Windkraftanlage soll 1.000m betragen, d.h. für die Praxis: 1.050m Abstand wären gut, 950m Abstand wäre z.B. in Brandenburg nicht genehmigungsfähig, weil hiermit die Kollisionsgefahr für den Weißstorch zu hoch ist. Wie entscheidend ist der Abstand zu einer Gefahrenquelle bzw. wie wichtig sind hier 50m für den Vogel, wenn man bedenkt, dass z.B. ein Weißstorch jedes Jahr nach Afrika und wieder zurückfliegt?

Sehen wir uns die temporären Abschaltungen an. Wir stellen (nach Anweisung durch die Behörden) für die Brutzeit eine Windkraftanlage still, zum Beispiel von März bis Ende August. Je nach behördlicher Genehmigung bzw. Gutachterempfehlung wird evtl. nicht über den ganzen Tag abgeschaltet, sondern nur zu bestimmten Zeiten, wie zum Beispiel 10 bis 16 Uhr oder drei Stunden nach Sonnenaufgang bis drei Stunden vor Sonnenuntergang. Wie sinnvoll sind solche Abschaltungen zum Schutz der Vögel, wenn die Tiere die restliche Zeit bei sich drehenden Windkraftanlagen durch die Gegend fliegen?

Biodiversität schützen, Zukunft des Klimas sichern

Das sind keine einfachen Fragen, sondern die Beantwortung dieser Fragen beschäftigt in Deutschland tausende Menschen: Projektentwickler, Windpark-Betreiber, Investoren, Naturschutzverbände, Naturschutzbehörden, Gutachterbüros, Kartierer, Rechtsanwälte, sowie Naturschützer und Hobby-Ornithologen.

Bis jetzt haben wir keine zufriedenstellende Antwort gefunden, denn in den letzten Jahren ist der Bau an Windkraftanlagen massiv eingebrochen. D.h. die Zeit drängt, denn wir müssen auf der einen Seite unsere Biodiversität schützen und auf der anderen Seite wollen wir unseren Energiebedarf durch erneuerbare Energien decken, um die Zukunft unseres Klimas und der nächsten Generationen zu sichern.

Wie lösen wir dieses Problem? Die beste Wissenschaft für Artenschutz und Windkraft

Ich habe ein paar Ideen und möchte mit der wichtigsten anfangen: der europäische Gerichtshof (EuGH) hat geurteilt, dass die „besten wissenschaftlichen Erkenntnisse" (zum Beispiel:  Urteil vom 20.10.2005 – C-6/04, 2005 I-9017, Urt. V. 10.01.2006 C-98/03, Urt. V. 15.05.2014 C-521/12, etc.) herangezogen werden müssen, um die Auswirkungen eines Projektes, zum Beispiel eines Windparks, auf die Umwelt zu beurteilen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass wir von dieser Forderung Lichtjahre entfernt sind.

Meine Idee ist also: wie wäre es, wenn wir die Forderung des EuGH erfüllen? Nichts, was wir in der Windbranche in der Praxis vorliegen haben, erfüllt diese hohen Standards. Erst letzten Herbst hatte das Verwaltungsgericht in Potsdam ein Urteil gesprochen (Urteil vom 10.09.2020, 5 K 4211/16), in dem der Richter feststellt, dass zitierte Schriften (die in der Windbranche sehr bekannt sind) nicht den anerkannten Stand der Fachwissenschaft erfüllen.

Bei diesen Schriften handelt es sich u.a. um eine Veröffentlichung des BfN (Bernotat, D. und Dierschke, V., 2016. „Übergeordnete Kriterien zur Bewertung der Mortalität wildlebender Tiere im Rahmen von Projekten und Eingriffen“) und eines Buchs, das von Fachgutachtern (Sprötge, M., Sellmann, E. Reichenbach, M., 2018. Windkraft, Vögel, Artenschutz – Ein Beitrag zu den rechtlichen und fachlichen Anforderungen in der Genehmigungspraxis. Books on demand) veröffentlicht wurde.

In diesen Arbeiten geht es um den Konflikt Windenergie/Artenschutz und es wird nicht der Standard der Fachwissenschaft erfüllt. Aber wir brauchen eigentlich nicht nur den Standard, sondern die „beste“ Wissenschaft (EuGH!) – wir haben beides nicht und die kritisierten Schriften finden sich in sehr vielen Gutachten und auch in Bewertungen der Behörden wieder.

Das bedeutet Arbeit und Mut zur Veränderung

Die meisten Dokumente, die im Bereich Artenschutz und Windenergie auf dem Markt zu finden sind, würden einem Peer Review Verfahren, also einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung, nicht standhalten. Der erste Schritt zur Lösung des Konfliktes wäre es, alle Behörden-Dokumente, Entscheidungsgrundlagen, Verwaltungsvorschriften, Gutachten und Diskussionsbeiträge einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen, um hieraus Rückschlüsse für die Projektarbeit in der Praxis zu gewinnen. Die Begeisterung in der Branche dürfte sich in Grenzen halten, denn das bedeutet Arbeit und Mut zur Veränderung.

Wir bewegen uns in der Branche schon hin zu wissenschaftlichen Studien, wie der hessische Artenschutz-Leitfaden zeigt. Aber ein bisschen Wissenschaft reicht nicht – der EuGH fordert die „besten wissenschaftlichen Erkenntnisse“, nicht hier mal ne Studie und dann ist wieder gut, sondern da muss ein wissenschaftliches Konzept dahinterstehen, das sich diesem Thema annimmt. 

Meinung hilft nicht weiter, es geht um Evidenz

A_Different_Perspective auf Pixabay Uhu schaut in die Kamera

Für uns als Projektentwickler und Betreiber würde meine Idee eigentlich folgendes heißen: wir müssen uns in die Richtung des EuGH bewegen und dementsprechend hohe Standards in unseren Gutachten fordern. Wir müssten nach meiner Idee auch Behörden damit konfrontieren und einfordern, dass ihre Anordnungen und Forderungen wissenschaftlich fundiert und rechtskonform sind. Beispiel: wie sinnvoll ist es, vorsorglich Schutzmaßnahmen für einen Uhu zu fordern, der gar nicht im Windpark vorkommt?

Wenn wir eine wissenschaftlich fundierte Basis zur Lösung des Konfliktes haben, dann haben wir auch eine Chance, diesen Konflikt zu lösen. Wenn man etwas behauptet, das man nicht durch Daten oder wissenschaftliche Erkenntnisse belegen kann, dann handelt es sich um eine Meinung und die hilft uns hier nicht weiter.

In der praktischen Umsetzung in der Windenergie und im Naturschutz sollte es nicht um Meinungen gehen, sondern um evidenzbasierte Aussagen, die es ermöglichen, Projekte rechtskonform und nachhaltig umzusetzen. Wenn es nur um Meinungen geht, werden wir ewig diskutieren und uns in endlosen Gerichtsverfahren und langen Genehmigungsverfahren verfangen und keinen Schritt nach vorne bewegen. Das schadet der Energiewende und dem Schutz der Biodiversität.

Dr. Sarah  Fretzer
Dr. Sarah Fretzer
Expertin für Natur- und Artenschutz in der Projektentwicklung Wind Onshore
Sarah ist promovierte Biologin und im EWE-Konzern zuständig für die Themen Arten- und Naturschutz bei den erneuerbaren Energien. Sie engagiert sich auch im Bereich Innovationen, hat z.B. ein Algenprojekt entwickelt, bei dem eine Grünalge zur Abwasserreinigung und Gewinnung von Biogas und Rohstoffen gezüchtet wird. In ihrer Freizeit geht sie gerne mit ihrer Familie und ihren drei Hunden spazieren oder sie betreibt Kampfsport und engagiert sich für den Tierschutz.
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