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Schon gewusst?

Grüner Wasserstoff in aller Munde ... zu Recht!

Paul Schneider
16.08.2021 11
Blogpost Grüner Wasserstoff

Ehrlich gesagt nervt mich der Hype um den Energieträger Wasserstoff an manchen Tagen, aber glücklicherweise ebbt er dank medialem H2-Bashing auch immer mal wieder ab. Besonders spannend wird es, wenn die Twitter-Keule beim Thema PKW rausgeholt wird. Zur Erinnerung: Wasserstofffahrzeuge sind Elektrofahrzeuge (Fuel Cell Electric Vehicle), nur eben mit Brennstoffzelle und Wasserstofftank (und etwas Schnickschnack drumherum) statt Batterie (Battery Electric Vehicle). Die Mobilität ist im Übrigen nur eines der zahlreichen Anwendungsfelder für Wasserstoff und der Bereich PKW wiederum nur ein Teil der Mobilität, wenn auch der immer wieder am heißesten diskutierteste. Erst dieser Tage bin ich bei Twitter in den Genuss gekommen, Karl Lauterbach (der echt ein Universaltalent zu sein scheint) auf artfremdem Terrain zu erleben, wie er zum Rundumschlag gegen Wasserstoff ausholt: zu ineffizient, zu teuer, nicht förderungswürdig – und ohnehin gebe es nicht genug Erneuerbare für die H2-Produktion. Damit ist er in bester Gesellschaft: Auch Elon Musk und Herbert Diess, Ihres Zeichens Vorstandschefs der großen Autohersteller Tesla und VW, schlagen in die gleiche Kerbe. Während die hierzulande weniger bekannten Chefs von Hyundai und Toyota, namentlich Jae Hoon Chang und Akio Toyoda, dagegenhalten und sich deutlich für die Brennstoffzelle im PKW aussprechen und entsprechend agieren. Interessanterweise setzen die beiden Hersteller, die schon seit mehr als zehn Jahren batteriebetriebene Elektrofahrzeuge und Hybride auf Europas Straßen haben, technologieoffen auf Batterie und Wasserstoff, während in Deutschland eine Konkurrenz heraufbeschworen wird, die eigentlich gar nicht da sein müsste. Warum eigentlich?

Wir hangeln uns mal entlang des Posts vom Profi. 😉 Ich denke, die Verfügbarkeit Erneuerbarer Energien (weltweit) und das Thema Kosten (Skalierung) bzw. Förderungswürdigkeit (Technologieoffenheit) lassen sich relativ schnell abräumen und sollen nicht Teil dieser Ausführung werden. Aber was ist dran am Totschlagargument der fehlenden Effizienz bei grünem Wasserstoff im Vergleich zu rein elektrischen Anwendungen? Bis hin dazu, dass H2 hier und dort sogar als Champagner der Energiewende in Verruf gerät – bauen wir die Argumentation mal auf wie ein Pokalspiel:

Grüner Wasserstoff auf Basis Erneuerbarer Energien (EE) wird aus grünem Strom hergestellt. Das kostet Energie und man steht im Vergleich zur Direktnutzung von Strom schlechter da, ein bisschen so als ob ein Zweitligist im Pokal gegen einen Erstligisten mit Stürmerstar spielt. Rein elektrische Anwendungen sind also viel effizienter und damit der Torjäger der Erstliga-Mannschaft. 1:0 für das Thema Effizienz bei rein elektrischen im Vergleich zu wasserstoffbasierten Anwendungen. Nun hat Wasserstoff jedoch den Vorteil, dass er nicht nur im Verkehr, sondern quasi in allen anderen Sektoren direkt oder indirekt eingesetzt werden kann. Wir haben es mit einem Universalgenie zu tun, einem Alleskönner, der damit auf allen Positionen abliefert. Ganz im Gegensatz zu rein elektrischen Anwendungen, insbesondere bei industriellem Einsatz – stellen Sie sich mal Lionel Messi im Tor vor. Klare Sache, das ist der Ausgleich 1:1.

Kommen wir zum Thema Infrastruktur. Ein rein Erneuerbares Energiesystem benötigt neben einer intelligenten Steuerung auch Möglichkeiten zur Energiespeicherung. Hier kann Wasserstoff durch seine besonderen Eigenschaften als Mittel- und Langfristspeicher Erneuerbarer Energien fungieren. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, gibt es auch keinen Strom – der Stürmerstar steht quasi allein vorm Tor, nur eben ohne Ball. Was bringt ihm also seine Effizienz, wenn sein Spielgerät gar nicht gesichert verfügbar ist? Aber er hat Glück: Das Energiesystem ist noch nicht erneuerbar. Dank fossiler und nuklearer Energie ist der Ball immer an Ort und Stelle –  damit erzielen die rein elektrischen Anwendungen 2021 locker das 2:1. Im Jahr 2030 könnte es schon ganz anders aussehen, denn dann werden die nuklearen und kohlebasierten Anwendungen weitestgehend verschwunden sein, mit ihnen auch die Versorgungssicherheit und damit das Spielgerät. Hier sorgt grüner Wasserstoff für die bedarfsgerechte Verfügbarkeit Erneuerbarer Energien und erzielt mit dem Schlusspfiff den Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit.

Die Verlängerung beginnt turbulent. Bei der Nutzung der Infrastruktur sind rein elektrische Anwendungen durch die Nutzung der Bestandsinfrastruktur anfangs klar im Vorteil und folgerichtig fällt relativ schnell das 3:2 für die elektrischen Anwendungen. Aber auch hier hat Wasserstoff noch einen Trumpf im Ärmel. Durch die Nutzung der bereits ausgebauten Gasinfrastruktur mit einer vielfachen Transportleistung von elektrischen Leitungen können Wasserstoffanwendungen den Ausbau der Strominfrastruktur ergänzen bzw. sogar ersetzen.  So leisten sie einen Beitrag zum  Ausbau Erneuerbarer Energien. Verdienter könnte das 3:3 nicht sein.

Jetzt wird das Thema Kondition entscheidend. Insbesondere bei Mobilitätsanwendungen (Straße/Luft/Wassers/Schiene) spielt das Gewicht der Energiespeicher eine Rolle. Ein Aspekt, der für zukünftige Anwendungen wie beispielsweise Liefer- und Personen-Drohnen noch wichtiger werden kann. Die Muskeln in den Beinen und damit die Batterien werden durch die geringe Energiedichte mit der zurückgelegten Strecke und dem Körpergewicht bei der Erstligamannschaft immer schwerer. Der Zweitligist hingegen hat leichte Beine, denn Wasserstoff hat das geringste Gewicht von allen Energieträgern. Das 3:4 für Wasserstoff ist nur eine Frage der Zeit. Das Spiel ist entschieden.

Eine ausgeglichene Partie mit knappem Ergebnis, in der die Mannschaftsleistung der individuellen Klasse einiger Einzelakteure am Ende überlegen war. Der mediale Underdog schlägt den Favoriten – Effizienz ist nicht alles, sondern neben Verfügbarkeit, Vielseitigkeit und Ganzheitlichkeit nur eine Facette im Spiel um die Klimaneutralität.

Paul Schneider
Paul Schneider
Wasserstoffbotschafter EWE
Paul ist gelernter Schlosser und Ingenieur und ist mit heute 40 fast ein Drittel seines Lebens bei EWE. Seine berufliche Leidenschaft ist der grüne Wasserstoff, weshalb ihm als EWE Wasserstoffbotschafter das Thema unter die Haut geht. Seine Wurzeln hat Paul an der Ostseeküste bei Usedom und lebt mit seiner Familie heute in Oldenburgs Ziegelhof. Seine Freizeit verbringt Paul mit Familie, Strand, Hansa, Tattoos, Feiern, Zocken und damit Hedgefonds zu ärgern.
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