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Schon gewusst?

„Don’t look up“ – Feldlerche

03.03.2022 4 Min 31

Der Film „Don’t look up“ hat für Aufsehen gesorgt – ein riesiger Komet ist auf Kollisionskurs mit der Erde, Wissenschaftler warnen verzweifelt, aber keiner hört zu. Im Moment ist kein Komet in Sicht, aber das Leben auf unserer Erde wird von zwei Krisen bedroht: Klimakrise und Artensterben. Leider bedingt das eine auch das andere, aber es gibt auch Lösungen, die einfach und schnell umzusetzen sind und kaum einem weh tun. Das möchte ich gerne mal am Beispiel der Feldlerche erläutern.

Feldlerche in grünem Gras

Die Feldlerche ist ein eher unscheinbarer Vogel mit braunem Gefieder, der am Boden brütet und in Europa und der gesamten Paläarktis heimisch ist. Die EU schätzt den Bestand der Feldlerche mit 24-36 Millionen Brutpaaren ein, wobei der Bestand stark abnimmt. 

Auch wir in der Windbranche haben mit der Bedrohung der Feldlerche zu tun, denn in Europa sind 388 Schlagopfer an Windkraftanlagen registriert worden, davon 120 in Deutschland (Stand 07. Mai 2021, Quelle: LfU Brandenburg, Schlagopferdatei Vögel in Europa). Um die Feldlerche zu schützen, legen wir in der Nähe unserer Windparks zum Beispiel Nahrungsflächen an, wir lassen Lerchenfenster in Getreidefelder fräsen und wir müssen bei einigen Anlagen auch abschalten, falls die Vögel in der Nähe unserer Windkraftanlagen brüten. Wir betreiben einen enormen Aufwand zum Schutz dieser Vögel. Das wird uns von den Behörden vorgeschrieben und kontrolliert. 

Ergebnisse eines Monitorings aus einem Windpark legen nun nahe, dass die Feldlerchen sich den Windkraftanlagen anpassen. Im Laufe des Betriebs (Jahre der Kartierung: 2010-2020) ist der Abstand einer Feldlerchenbrut von 90,6m auf 205,8m gestiegen (Statistik mit einfaktorieller Varianzanalyse (ANOVA), p-Wert = 0,04), d.h. die Feldlerchen leben im Bereich des Windparks, halten aber einen Abstand ein, der für sie keine Gefahr mehr darstellt. Diese Ergebnisse sind statistisch signifikant, d.h. durch eine statistische Analyse belegbar. Wir brauchen noch mehr Forschung im Bereich der Verhaltensforschung, um zu gucken, ob die Vögel lernen mit der Windkraft zu leben und sich anpassen. Die Ergebnisse geben aber eine Erklärung ab, weshalb trotz zigtausender Windkraftanlagen in Europa relativ wenige Schlagopfer gefunden wurden.  

Tabelle mit Jagdquoten für verschiedene Länder von 2013 bis 2018

Wir tun, was nötig ist, um die Feldlerche in unserem Fachgebiet zu schützen. Gleichzeitig müssen wir jetzt schon eingestehen, dass wir damit nicht erfolgreich sein werden. Warum nicht? Wir können die Vögel bei uns schützen und dafür sorgen, dass die Bauern bei uns die Gelege am Boden nicht plattmähen, aber mehr können wir nicht tun. Ein wichtiger negativer Einfluss auf die Feldlerche, neben der Landwirtschaft, ist die EU-weite Vogeljagd und diese Jagd ist beträchtlich. Jedes Land muss seine Jagdquoten übermitteln, was aber leider nicht ganz funktioniert, sodass hier zum Teil nur Schätzungen möglich sind. In der folgenden Tabelle sind die bekannten Jagdquoten einiger EU-Länder aufgelistet, und zwar von den Jahren 2013-2018.

Die Daten zeigen, dass die Feldlerchen massiv abgeschossen werden, mehr als eine halbe Million Tiere in 2018 bis zu 1,2 Millionen Exemplare im Jahr 2014. Man beachte, dass Frankreich nur für 2014 Zahlen übermittelt hat und hier bereits über eine halbe Millionen Feldlerchen geschossen wurden. Folglich entnimmt die Vogeljagd nur einen Bruchteil der Individuen, aber die Jagd und die Landwirtschaft haben enorme Auswirkungen auf die Population. 

Eine Feldlerche wiegt mit allem drum und dran ca. 30-40 Gramm, d.h. es geht bei der Vogeljagd nicht um den Nahrungserwerb, sondern um den Spaß am Schießen. Eine andere rationale Erklärung ist nicht möglich. Die Folgen der Jagd? Die Situation der Feldlerche wird sich weiter verschlechtern und das heißt für uns, dass die Auflagen, die wir in der Windbranche erfüllen müssen, sich weiter verschärfen werden, inklusive dem Stillstand von Windkraftanlagen. Aber: wir brauchen erneuerbare Energien, nicht nur wir als Konzern, sondern unsere Gesellschaft im Kampf gegen den Klimawandel! Können wir es uns wirklich leisten zum Schutz der Feldlerche Windkraftanlagen still zu stellen, während diese Vögel aus Spaß am Töten bei ihren Flügen in Europa vom Himmel geschossen werden? Wir brauchen diese Vögel, und zwar lebendig, sie sind Teile unsere Ökosysteme, auf die wir nicht verzichten können. Aber brauchen wir diese Vogeljagd? Wofür? Es ist Zeit umzudenken und gegenzusteuern – die Vogeljagd muss beendet werden! Auch in Deutschland! Bei uns ist es nicht die Feldlerche, die vom Himmel geschossen wird, sondern zum Beispiel die Waldschnepfe. Wir müssen alles tun, um den Vogel mit unseren Windkraftanlagen nicht zu stören und müssen Ausgleichsmaßnahmen durchführen, um die Art zu schützen und der Jäger um die Ecke freut sich! Laut dem Deutschen Jagdverband wurden 2019/2020 in Deutschland 9.983 Waldschnepfen geschossen, allein 5.582 davon in Niedersachsen - neben unseren Anlagen, bei denen wir sicherstellen müssen, die Waldschnepfe ja nicht zu stören, ist es okay die Vögel abzuschießen? Ich fordere, die EU-weite Vogeljagd aller Arten sofort einzustellen. Lasst uns hiermit die Krise des Artensterbens etwas abbremsen. Es gibt einige, die sich darüber aufregen werden, aber die Konsequenzen wird uns alle treffen und die Kosten für unsere Umwelt und unsere Gesellschaft sind zu hoch, um einigen ihr Hobby zu lassen und den weiteren sinnlosen Tod dieser Tiere hinzunehmen. 

Viele Grüße,
  • Dr. Sarah Fretzer
Dr. Sarah  Fretzer
Dr. Sarah Fretzer
Expertin für Natur- und Artenschutz im Technischen Asset Management
Sarah ist promovierte Biologin und im EWE-Konzern zuständig für die Themen Arten- und Naturschutz bei den erneuerbaren Energien. Sie engagiert sich auch im Bereich Innovationen, hat z.B. ein Algenprojekt entwickelt, bei dem eine Grünalge zur Abwasserreinigung und Gewinnung von Biogas und Rohstoffen gezüchtet wird. In ihrer Freizeit geht sie gerne mit ihrer Familie und ihren drei Hunden spazieren oder sie betreibt Kampfsport und engagiert sich für den Tierschutz.
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Kommentare
1
Alina 15:36 03.03.2022
Sehr guter Beitrag! Ich stimme voll und ganz zu. Einen riesen Aufwand betreiben, damit die Vögel vor den Windkraftanlagen geschützt werden, nur damit der/ die nächste sie abschießen kann? Und damit noch die Entwicklung von erneuerbaren Energien bedrohen? Es sollten sowieso keine Tiere aus Spaß getötet werden! Wir müssen gemeinsam gegen den Klimawandel vorgehen und das heißt, dass man auf bestimmte Dinge verzichten muss, damit das Ziel erreicht werden kann!
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