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Tag der Artenvielfalt: Wir brauchen Mut zur Veränderung

19.05.2022 6 Min 15

Am 22. Mai ist Tag der Artenvielfalt − Ein Aktionstag mit dem Ziel auf die Bedeutung und den Verlust der Artenvielfalt aufmerksam zu machen. Wie schlecht es um die Natur in Deutschland steht, welche Lösungsansätze es gibt und was jetzt wichtig ist, möchte ich in diesem Beitrag aufzeigen.  

Foto von einem grünen Waldstück

Die Lage der Natur in Deutschland

Wie geht es der Artenvielfalt in Deutschland? Der aktuelle Bericht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zur Lage der Natur zeigt ein klares Bild: nur 25% der Arten in Deutschland waren 2020 in einem guten Zustand, 63% waren in einem schlechten oder ungünstigen Zustand und bei 11% war der Erhaltungszustand gar nicht bekannt, d.h. hier fehlen Daten, um dies beurteilen zu können. Auch die Lebensräume wiesen kein positives Bild aus, nur auf Felsen und Schutthalden scheint sich die Natur in Deutschland wohlzufühlen. Warum ist das so? Die Studie zeigt klar auf, welche Faktoren für die Biodiversität in Deutschland kritisch sind und sagt deutlich (S. 34): „FFH- und Vogelschutzrichtlinie haben ein großes Potential, zu den Zielen der EU-Biodiversitätsstrategie und der Konvention zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt beizutragen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Umsetzung der europäischen Naturschutzrichtlinien auch in den anderen Bereichen, insbesondere der Landwirtschaft, aber auch in Forstwirtschaft, Fischerei, Wasserwirtschaft oder der Entwicklung von Infrastruktur, Siedlungen und Gewerbe eine stärkere Unterstützung erfährt.“ (im Original fett geschrieben).

Aber wieso wirbt das BfN für eine stärkere Unterstützung von EU-Gesetzen? Was heißt das für unser Land? Wenn wir den Zustand der Natur betrachten, sehen wir in unserem Land eine Katastrophe und wenn wir den Bericht des BfN lesen, bekommt man den Eindruck, dass EU-Gesetze nicht richtig umgesetzt werden. Der Bericht zeigt klar, dass wir uns ändern müssen, unseren Lebensstandard verändern müssen, unsere Wirtschaft ändern müssen, aber die Politik will das anscheinend nicht wirklich bzw. sie tut es nicht – genau das zeigt dieser Bericht des BfN.

In der Windbranche ist der Artenschutz ein sehr ernstes Thema. Zum Beispiel müssen zum Schutz brütender Vögel Anlagen abgeschaltet werden oder zum Schutz von Fledermäusen dürfen Anlagen nur unter bestimmten Voraussetzungen betrieben werden (zum Beispiel, kein Regen, Temperatur über 10 °C und hohe Windgeschwindigkeiten im Gondelbereich von z.B. 7m/s). Das kostet uns Energie und Geld, ist aber für den Artenschutz vorgeschrieben. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien muss auch der Artenschutz im Blick sein, denn der Kampf gegen den Artenschwund ist genauso wichtig wie der Kampf gegen den Klimawandel.

Veränderungen machen Angst, aber sie bringen auch Chancen

Wir brauchen mehr erneuerbare Energien, aber wir laufen hier dem Bedarf hinterher. Wesentliche Veränderungen, die gerade passieren, geschehen weil sie erzwungen sind, wie zum Beispiel das Klimaschutz-Urteil des Bundesverfassungsgerichts oder eine rasche Umstellung unserer Energieversorgung, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Wirtschaftszweige, die von fossilen Energien abhängen dachten bestimmt, sie hätten noch viel, viel mehr Zeit für eine Umstellung und jetzt droht ein Stopp von Öl und Gas aus Russland und man hat keine Zeit mehr für nachhaltige Veränderungen.

Wir müssen damit aufhören, abzuwarten und uns treiben zu lassen, wir müssen agieren, bevor es knallt. Wir können nur eine sichere Zukunft für unsere Kinder aufbauen, wenn diese klimafreundlich und nachhaltig ist, alles andere ist nicht zukunftsfähig. Das bedeutet, dass wir unsere Lebensweise und unsere Wirtschaft auf den Artenschutz und Klimaschutz ausrichten müssen und natürlich müssen EU-Gesetze hierbei dringend umgesetzt werden.

Wir müssen neu denken und handeln

Unsere Natur muss geschützt werden, aber sie hat im Moment keinen Platz in unserer Welt. Wir sind eines der kleinsten Länder der Erde und wir haben nicht genug Fläche für die Art und Weise, in der wir gerade leben. Aber es gibt Lösungen, zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien. Die Idee, den Platz für Wohnraum und Gewerbe mit der Erzeugung von erneuerbaren Energien zu koppeln, ist nicht neu, aber es gibt bei weitem noch nicht genug Solardächer für unseren Energiebedarf. Man kann die Fläche, die für Landwirtschaft genutzt wird, auch mit PV-Anlagen koppeln – das heißt Agri-PV und warum sollen PV-Anlagen denn am Boden stehen? Den Platz darunter kann man doch effektiv für den Anbau von Gemüse oder Obst oder Tierhaltung in der Landwirtschaft nutzen – Hühner würden sich in einem Solarpark bestimmt wohl fühlen, da die Anlagen Schatten und Schutz bieten und trotzdem genug Sonne für die Natur lassen.

Das Fraunhofer Institut hat bereits zu dem Thema Agri-PV geforscht und sieht viele Anwendungsmöglichkeiten, also warum nicht in der Praxis verpflichtend umsetzen? Das Fraunhofer Institut testet auch gerade ob man PV-Anlagen auf Autobahnen installieren kann. Ein PV-Dach auf Straßen sieht nicht nur interessant aus, es wäre auch ein enormes Potential zur Energieerzeugung, da wir in unserem kleinen Land laut Wikipedia das viertlängste Autobahnnetz der Welt haben, mit fast 13.200 Kilometern. Straßen bedrohen die Artenvielfalt, direkt durch das Töten von Tieren durch Kollisionen und indirekt als unüberwindbare Barrieren, die den Genpool unserer Populationen einschränken und somit dem Arterhalt schaden. Auch Greifvögel verenden oft an den Straßen und vielleicht wird eine Autobahn durch ein PV-Dach unattraktiver für diese Vögel, die dort nach Aas suchen. Vielleicht nehmen Kollisionen auf Autobahnen durch ein Solardach ab, da die Vögel die Straßen nicht mehr nach Nahrung abfliegen können. Eine Idee für mehr Vogelschutz und mehr erneuerbare Energie - das wäre fantastisch!

Eine Studie von Eurokite hatte gezeigt, dass Straßen ein großes Problem für Greifvögel sind. Rotmilane in Europa wurden hier mit GPS-Sendern ausgestattet und ihr Verhalten und ihre Todesursache in Europa untersucht . Viele Rotmilane verunglückten an Straßen oder wurden erschossen, aber sie kollidierten auch mit Windrädern. Zum Schutz der Vögel können Windräder in der Brutzeit abgeschaltet werden, aber ist das die Lösung? Sollen wir wirklich Anlagen für Monate still stellen? Wir brauchen diese Energie im Moment dringender denn je, deswegen muss es andere Lösungen geben und auch hier gibt es schon viele Vorschläge. Das KNE (Kompetenzzentrum für Naturschutz und Energiewende) hat zum Beispiel in einer Zusammenstellung verschiedene technische Systeme verglichen , wie Kameras oder Radar, die eine Windkraftanlage abschalten, wenn sich ein Greifvogel nähert. Solche Anti-Kollisions-Systeme sind bei uns dennoch kaum im Einsatz, weil die Kosten hoch sind und viele Genehmigungsbehörden sich scheuen, diese Systeme in der Praxis einsetzen zu lassen. Die Systeme sind noch nicht perfekt, aber im Moment vielleicht eine bessere Lösung als der komplette Stillstand der Windkraftanlage und dafür Energie aus Kohle- oder Atomstrom zu beziehen.

Es gibt auch Studien, die zeigen, dass Kollisionen mit Greifvögeln drastisch reduziert werden, wenn eines der drei Rotorblätter schwarz angemalt wird . Warum testen wir das nicht mal in Deutschland? In jeder Genehmigung steht genau beschrieben, wie die Windkraftanlage auszusehen hat und welche Farbe verwendet werden muss, d.h. für eine kommunale Behörde mag das Risiko, eine neue Farbe zu testen, zu hoch sein, aber wenn ein Bundesministerium bereit wäre, hier neue Wege zu gehen, dann spiegelt sich das bestimmt auch auf kommunaler Ebene wider und erleichtert die Genehmigungen für Tests und dann auch für den Einsatz in der Praxis. 

Wir haben Lösungsvorschläge zum Schutz der Artenvielfalt und des Klimas, die in den Schubladen liegen − wenn wir die jetzt nicht rausholen, wann dann?

Im Bereich der erneuerbaren Energien neue Wege zu gehen und Fortschritte zu machen, würde einer nachhaltigen Wirtschaft, dem Klima und der Artenvielfalt in Deutschland nützen. Es liegt an der Politik, diesen Weg jetzt zu beschreiten, denn sie setzt die Rahmenbedingungen, für das was wir in unserer Gesellschaft und in der Wirtschaft tun. Wir können es uns nicht länger erlauben abzuwarten, wir müssen neue Wege gehen und warum schreiten wir nicht voran, statt uns von Krisen treiben zu lassen?

Viele Grüße,
  • Dr. Sarah Fretzer
Dr. Sarah  Fretzer
Dr. Sarah Fretzer
Expertin für Natur- und Artenschutz im Technischen Asset Management
Sarah ist promovierte Biologin und im EWE-Konzern zuständig für die Themen Arten- und Naturschutz bei den erneuerbaren Energien. Sie engagiert sich auch im Bereich Innovationen, hat z.B. ein Algenprojekt entwickelt, bei dem eine Grünalge zur Abwasserreinigung und Gewinnung von Biogas und Rohstoffen gezüchtet wird. In ihrer Freizeit geht sie gerne mit ihrer Familie und ihren drei Hunden spazieren oder sie betreibt Kampfsport und engagiert sich für den Tierschutz.
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